Etwas Neues wachsen lassen

Etwas Neues wachsen lassen

Wenn etwas Neues wächst, sind wir bereit Altes loszulassen. Wir haben bereits jede Menge losgelassen und stehen nun schon mit einigen durchlebten Wochen in der neuen Zeitrechnung. Das alte Jahr liegt hinter uns. Die Wintersonnenwende kündigte den Zuwachs von Licht und das Schwinden der Dunkelheit an. Im Kopf haben wir das gut begriffen, aber was sagt unser Herz? Möglicherweise schlummert da eine große Sehnsucht in uns nach Aufbruch zu neuen Ufern. Wir verspüren den Wunsch nach Wandlung, Erneuerung und Veränderung. Keine Sehnsucht, die sich durch Schnelllebigkeit stillen lässt, sondern mit der verheißungsvollen Suche nach einem Leben aus der Wesenstiefe.

Spannend wird es vor allem dann, wenn das Sieb der Zeit und der persönlichen Erfahrungen ins Spiel kommt. Jeder trägt ein persönliches Wissen in sich. Es ist durch die Jahre und durch das Erlebte gewachsen. Dieses Wissen steckt nicht unbedingt im Kopf. Es umfasst mehr. Der ganze Körper ist Träger dieser individuellen Information. Es geht um alles, was uns antreibt uns nach Neuem auszurichten. Dieses besondere Wissen erinnert uns vor allem daran, dass es im Leben nicht auf das Sollen, sondern auf das Sein ankommt. Es beinhaltet nicht vordergründig das Pflichtprogramm unseres Berufs- und Familien- bzw. Privatlebens. Es verbirgt vielmehr die Wahrnehmung meines Selbst inmitten vieler Umbrüche und Veränderungen.

Was lässt unser Sein wachsen? Diese Frage bleibt spannend, weil sie nicht ein für allemal zu beantworten ist. Sie wird in jeder Situation anderes gehört und beantwortet. Aber eines, das allen Biographien und Lebenserfahrungen eigen ist, bleibt von Bedeutung: die Beziehungen. Es ist der Wunsch Mitmenschen persönlich begegnen zu können. Etwas von sich mitzuteilen, das mich bewegt hat. Es ist das Sprechen aus dem Inneren. Und es ist das Zuhören; den Kollegen am Arbeitsplatz oder den Freunden; hören, was sie wirklich umtreibt. Das ist ein großes Geschenk, es ist eine neue Erfahrung des Seins.

Der suchende Blick in die Biographien der Menschen, die im Leben bewegende Spuren hinterließen, bestätigt diese Erfahrung. Dabei wird klar, dass es noch unentdeckte Beziehungsebenen gibt, die sich gegenseitig ergänzen. So ist mir beim Schmökern in der Vita meines Ordensgründers, des Seligen Georg Matulaitis (1871-1927, Bischof von Vilnius/Litauen), ergangen. Er grenzt die Beziehungsfähigkeit nicht nur auf den Umgang mit den Menschen ein, sondern bringt die göttliche Beziehungsdimension ins Spiel: das Gebet.

Georg Matulaitis lädt ein, nicht nur bei einer bestimmten Gebetszeit zu bleiben. Er spricht vielmehr vom immerwährenden Gebet. Voller Einfühlsamkeit beschreibt er in seinem Tagebuch die vielfältigen Möglichkeiten, das Gebet zu leben: in der freien Zeit, beim Gehen, beim Arbeiten, beim Übergang von einer Arbeit zur anderen. Er entwickelt einen Ideenkatalog so vielfältig, wie das Leben selbst. Dabei ermuntert er jeden und jede, seinen Weg zu mehr Beziehungsfähigkeit zu suchen und zu leben. Auf diesem Weg das Gebet als etwas immerwährend Neues entdecken, das mich in das Leben mit seinen neuen unentdeckten Seiten hineinwachsen lässt.

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