Wege zur Mitte

Je schneller die Aufgaben und Ereignisse auf mich einstürzen, umso langsamer reagiere ich darauf. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aufgrund einer schlichten Einsicht: Ich bin ein Mensch, begrenzt und einmalig zugleich.
Wenn das Smartphone vibriert und klingelt weiß ich oft nicht so recht, ob ich mich daran erfreuen soll oder mehr meinem spontanen Seufzer vertrauen darf. Er ist ein treuer Begleiter, der rechtzeitig die Summe der vielen Kontakte und Aktivitäten meldet und an die Pause erinnert. Zeit für Ruhe und Ausgleich ist in meinem Alltag nicht immer selbstverständlich. Oft brauche ich einen Schubser dazu. Im Kontext der Gesellschaft, in der ich mich bewege, ist es völlig normal. Denn normal ist derjenige, der stets gestresst ist. Muss ich nicht stets eine gute Figur abgeben, indem ich viele Projekte gleichzeitig umsetzte und bewältige? Davon hängt doch die Akzeptanz und Anerkennung ab.
Schon Jesus musste sich der Versuchung der Macht, Ehre und Anerkennung stellen. In der Wüste, laut dem Markusevangelium, hatte er diese Aussichten vor Augen und wehrte sich gegen die maßlose Haltung. Mir ergeht es oft anders. Gerne würde ich mit den anderen mithalten, auch wenn es auf Kosten meines seelischen Gleichgewichtes oder meiner Gesundheit geht. Ich möchte nicht dumm da stehen. Doch gerade in diesen Augenblicken meldet sich die Sehnsucht nach einem Leben aus der Tiefe.
Wie eine leise und geheime Melodie erklingt der Wunsch nach einem ausgewogenen Lebensrhythmus, der mir eigen ist. Die Sehnsucht nach meinem Tempo, das mich durchatmen und leben lässt. Darin spüre ich meine eigene Würde. Ich finde zu mir und zu Gott.
„Wer Gott vertraut, wer Jesus glaubt, der hat alles.“, schreibt Georg Matulaitis (1871-1923), unser Ordensgründer. Wie gewagt diese Behauptung klingt. Aus seiner Sicht hängt alles von der Begegnung mit Gott, der von Jesus verkündet wurde, ab. Auf die Beziehung mit ihm kommt es an. Ich selbst mache die Erfahrung, dass diese Worte stimmig sind. Die im Alltag gelebte Beziehung zu Gott, der zugleich Vater und Mutter für mich ist, macht mein Leben ausgeglichen. Die Unruhe bekommt nur bedingte Macht. Die Gelassenheit kommt öfters zu Wort.
Aus der Haltung der Gelassenheit zu leben ist eine anlockende Perspektive. Denn hektischen und gestressten Menschen begegne ich sehr oft. Bevor ich mich der Unruhe stelle, strecke ich meine Fühler nach anderen Angeboten aus. Eine konkrete Übung kommt mir da in den Sinn: Sich eine halbe Stunde am Tag Zeit für Ruhe nehmen. Es könnte ein Spaziergang in der Natur oder eine halbe Stunde Stille sein. Nichts hören und sehen müssen, sondern einfach mal da sein. Zweckfrei und entspannt. Hilfreich sind auch Bilder oder ansprechendes Textmaterial. Also sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.
Nicht zu unterschätzen ist das Erbe der biblischen Texte. Sie sind die Sammlung der Erfahrungen zwischen Mensch und Gott schlechthin. Die Begegnung mit ihnen wirkt befreiend und heilend. Viele Menschen finden auch den Weg zur eucharistischen Anbetung, also einem Zwiegespräch mit Jesus unter der Gestalt des Brotes. Ihm einfach alles erzählen können oder sich von seinem liebenden Blick anschauen lassen. Denn nicht die Unruhe und Rastlosigkeit sollten das letzte Wort haben, sondern die Erfahrung der Gelassenheit und des Friedens.

2 Antworten auf „Wege zur Mitte“

  1. Vielen herzlichen Dank für den geistlichen Impuls. Es kommt viel geistliche Erfahrung der Verfasserin hervor. Großes Lob und höchste Anerkennung für diese reiche Erfahrung.
    Ich denke, dass jeder Mensch nach Ruhe und Frieden im Alltag sucht. Nur lässt sich das Suchen danach nicht immer in den Alltag integrieren. Es muss ganz bewusst geschehen und man muss sich drauf einlassen können. Denn das Aushalten, dass innerhalb der Zeit nichts „gescheht“ fällt manchen Menschen schwer, weil wir es nicht mehr gewohnt sind und so vieles uns in der Stille bewegt. Dennoch ist Ruhe und Stille sehr wichtig im Leben, da wir sonst Gottes leise Stimme stets im hektischen Alltag überhören. Gebet und Stille sind ein unersetzlicher kostbarer Schatz um zu sich und zu Gott zu finden. So finden wir den irdischen Frieden und die Vorfreude auf den ewigen himmlischen Frieden bei Gott, unseren Vater.
    Herzliche Grüße

    1. Danke für die Rückmeldung. Es ist spannend, dass die Erfahrungen so deckungsgleich sind.
      Auf weitere Rückmelungen freut sich Sr. Margareta 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.